Johanniskraut Öl selber machen, vom Sammeln bis zur richtigen Anwendung

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Das tiefe Rot dieses Öls hat etwas Faszinierendes. Klares Olivenöl, ein paar gelbe Blütchen und nach wenigen Wochen ein rubinrotes Heilöl, das schon Hildegard von Bingen kannte. Klingt wie ein altes Hausmittel, ist es auch. Aber im Internet kursieren leider viele Halbwahrheiten dazu.

In diesem Beitrag bekommst du keine 0815-Anleitung. Du erfährst, was wirklich in deinem Glas passiert, welche Wirkstoffe die Heilkraft ausmachen und warum manche Kräuterkundige inzwischen lieber im Schatten als in der Sonne mazerieren. Außerdem zeige ich dir die Anfängerfehler, die ich selbst gemacht habe.

Egal, ob du dein erstes Rotöl ansetzt oder schon Routine hast. Mit den richtigen Hintergründen wird dein Öl deutlich hochwertiger.

Was im Johanniskraut Öl wirklich wirkt

Johanniskrautöl, auch Rotöl genannt, ist ein Ölauszug aus den Blüten und Triebspitzen der Heilpflanze. Klassisch in Olivenöl angesetzt, mazeriert die Pflanze mehrere Wochen lang und gibt ihre fettlöslichen Wirkstoffe an das Öl ab.

Zwei Substanzen sind dabei besonders interessant. Hypericin ist der rote Farbstoff und wirkt antiviral, allerdings auch photosensibilisierend. Hyperforin gehört zu den Phloroglucinderivaten und ist für die antibakteriellen sowie entzündungshemmenden Eigenschaften verantwortlich. 

Was die meisten Artikel nicht erwähnen. Hyperforin fördert zusätzlich das Wachstum von Hautzellen und stärkt die Hautbarriere. Anders als Hypericin, das die Lichtempfindlichkeit erhöht, bietet Hyperforin viele positive Eigenschaften für die Hautgesundheit.

Mit anderen Worten, die rote Farbe sieht zwar schön aus, die eigentliche Heilkraft kommt aber überwiegend von Hyperforin und den enthaltenen Gerbstoffen.

Wann du Johanniskraut wirklich ernten solltest

Es hält sich hartnäckig der Mythos, dass du Johanniskraut nur am 24. Juni sammeln darfst. Quatsch. Wissenschaftlich betrachtet ist das ein reiner Mythos. Du kannst Johanniskraut auch vor oder nach diesem Tag sammeln, mitunter sogar bis in den August hinein.

Trotzdem gibt es einen objektiv besten Erntezeitpunkt. Ernte, wenn etwa die Hälfte der Blüten geöffnet ist. Dann ist der Gehalt an Wirkstoffen wie Hypericin und Hyperforin am höchsten. Diese Halbblüte erkennst du daran, dass neben den geöffneten Blüten noch viele dicke Knospen am Stängel sitzen. 

Die ideale Tageszeit ist der späte Vormittag. Der Tau muss abgetrocknet sein, die pralle Mittagshitze sollte aber noch nicht eingesetzt haben. Bei mir hat sich gegen 10 oder 11 Uhr bewährt.

Sammle nur an trockenen, sonnigen Tagen. Bei Regen oder hoher Luftfeuchtigkeit wäre der Wassergehalt zu hoch, was die Qualität besonders für Ölauszüge mindert.

Letzter Punkt, der oft vergessen wird. Ernte nie mehr als ein Drittel einer einzelnen Pflanze, damit sie sich regenerieren kann. Sammelst du in der Natur, achte zusätzlich auf Naturschutzbestimmungen in deiner Region.

So erkennst du das echte Tüpfeljohanniskraut

Hier scheitern die meisten Anfänger. Weltweit gibt es etwa 400 Johanniskrautarten. Etwa 60 davon sind in den gemäßigten Klimazonen Europas heimisch, elf Arten allein in Deutschland. Nur eine einzige Art ist die richtige für dein Rotöl. Das Echte Tüpfeljohanniskraut, botanisch Hypericum perforatum.

Drei einfache Tests sichern die Bestimmung ab.

Test eins ist der Lichttest. Halte ein Blatt gegen das Sonnenlicht. Wenn du viele kleine helle Punkte siehst, die wie Nadelstiche aussehen, hast du Hypericum perforatum. Diese durchscheinenden Öldrüsen sind namensgebend für die Art „perforatum“, durchlöchert. 

Test zwei ist der Rotfingertest. Zerreibe eine Blütenknospe zwischen Daumen und Zeigefinger. Bei der richtigen Pflanze entsteht ein rötlicher Saft, der auf den hohen Gehalt an Hypericin hinweist. Verfärben sich deine Finger nicht rot, hast du eine andere Hypericum-Art. 

Test drei ist mein liebster. Tüpfeljohanniskraut hat zwei Längskanten am Stengel, alle anderen Arten haben vier Kanten. Streife mit den Fingern am unteren Stängel entlang. Wenn du genau zwei erhabene Längsstreifen ertastest, bist du goldrichtig. 

Verwendet werden übrigens nicht ganze Pflanzen. Du erntest die oberen 30 cm der blühenden Triebe inklusive Blüten, Knospen und oberen Blättern. 

Das brauchst du für dein Mazerat

Die Materialliste ist überschaubar:

  • Eine Handvoll frische Blüten, Knospen und Triebspitzen
  • Etwa 500 ml gutes Trägeröl
  • Ein sauberes Bügelglas oder Schraubglas
  • Ein Mulltuch und feines Sieb
  • Dunkle Apothekerflaschen für die Abfüllung

Beim Trägeröl bleibe ich beim Klassiker, hochwertigem Bio Olivenöl extra vergine*. Es ist kaltgepresst, ergibt einen tiefroten Auszug und hält sich lange. Mandelöl oder Sonnenblumenöl funktionieren auch, sind aber weniger oxidationsstabil.

Für den Ansatz nehme ich gerne 500 ml Einmachgläser mit Bügelverschluss*. Die schließen luftdicht und lassen genug Licht durch.

Das fertige Öl fülle ich in braune Apothekerflaschen mit Tropfeinsatz*. Das Braunglas schützt vor Licht, der Tropfer hilft bei der dosierten Anwendung.

Johanniskraut Öl selber machen Schritt für Schritt

Sind alle Zutaten beisammen, plane für die ersten Arbeitsschritte etwa 30 Minuten ein. Den Rest erledigen Geduld und Sonne.

Schritt 1: Pflanzenmaterial vorbereiten

Streife die Blüten, Knospen und obersten Blattspitzen vom Stängel. Die holzigen Stiele lass weg, sie enthalten kaum Wirkstoffe.

Wichtig, nicht waschen. Wasser bringt Feuchtigkeit ins Glas und damit Schimmelgefahr. Verlese das Material sorgfältig auf Käfer, Spinnen oder welke Blütenblätter.

Wenn du magst, zerdrücke die Blüten leicht zwischen den Fingern. So treten die Öldrüsen besser auf. Aber bitte nicht zermatschen.

Schritt 2: Glas befüllen und Öl aufgießen

Fülle die vorbereiteten Pflanzenteile locker in dein sauberes Glas, etwa zu drei Vierteln. Locker heißt, nicht stopfen.

Gieße dann das Olivenöl auf, bis alle Pflanzenteile mindestens zwei Zentimeter hoch bedeckt sind. Das ist entscheidend gegen Schimmel. Ragt etwas heraus, drücke es mit einem sauberen Holzstäbchen unter.

Lass etwa zwei Zentimeter Luft bis zum Deckel und verschließe das Glas fest.

Schritt 3: Reifen lassen

Hier kommt der spannende Teil, zu dem ich gleich noch mehr sage. Klassisch stellst du das Glas in die Sonne. Schüttle es in den ersten Tagen einmal täglich sanft.

Nach wenigen Tagen siehst du, wie das Öl Farbe annimmt. Erst gelblich, dann orange, schließlich tief rot. Nach 1 bis 2 Monaten ist das Öl gereift und kann gefiltert werden. feeling

Bei mir reift es meistens vier bis sechs Wochen, je nach Sonneneinstrahlung. Geduld lohnt sich hier.

Schritt 4: Abseihen und Abfüllen

Wenn das Öl die gewünschte Farbe hat, lege ein Mulltuch in ein feines Sieb über eine saubere Schüssel. Gieße das Öl langsam durch.

Drücke am Ende den Pflanzenrest gut aus. In den Pflanzenresten steckt noch viel kostbares Öl. Fülle das gefilterte Öl dann in deine dunklen Apothekerflaschen und beschrifte sie mit Datum.

In dunklen Flaschen abgefüllt hält sich Johanniskrautöl etwa ein Jahr. 

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Sonne oder Schatten, was die Wissenschaft dazu sagt

Hier wird es wirklich spannend, weil viele Anleitungen das Problem komplett ignorieren.

Die klassische Methode setzt das Glas in die volle Sonne. Das ist nicht nur Tradition, sondern aktive Chemie. Durch das Sonnenlicht werden Protoverbindungen wie Protohypericin und Protopseudohypericin durch Zyklisierung in Hypericin umgewandelt. So gelangt durch einen Ansatz in Sonnenlicht mehr Hypericin in das Öl. 

Klingt erstmal nach klarem Plus für die Sonnenmethode. Aber. Hyperforin ist chemisch instabil und empfindlich gegenüber Licht und Sauerstoff. Genau dieser Wirkstoff ist aber für die wundheilenden und antibakteriellen Eigenschaften entscheidend.

Du hast also ein Dilemma. Volle Sonne bringt mehr Hypericin und intensivere rote Farbe, baut aber gleichzeitig wertvolles Hyperforin ab. Deshalb empfehlen viele moderne Kräuterkundige inzwischen die Schattenmethode. Ziehe Rotöl besser im warmen Schatten als in direkter Sonne. Der Unterschied zeigt sich nach 2 bis 3 Wochen deutlich in Farbe und Aroma.

Bei mir hat sich ein Mittelweg bewährt. Die ersten zwei Wochen darf das Glas auf eine sonnige Fensterbank, danach umziehe ich es in den hellen Schatten. So bekomme ich eine schöne rote Farbe und behalte trotzdem einen Teil des empfindlichen Hyperforins.

Wirkung und Anwendung, was wirklich belegt ist

Johanniskrautöl wird traditionell äußerlich angewendet. Die Studienlage ist überschaubar, aber es gibt sie.

Eine besonders interessante Untersuchung. Eine Studie umfasste 144 Frauen, die eine Kaiserschnittgeburt hatten. Eine Gruppe bekam dreimal täglich für 16 Tage eine Johanniskrautsalbe auf die Wundnaht, eine zweite ein Placebo. Nach 10 Tagen war die Wundnaht in der Johanniskraut-Gruppe besser verheilt. Nach 40 Tagen war die Narbe besser abgeheilt und juckte sowie schmerzte weniger. 

Auch bei chronischen Hauterkrankungen gibt es Hinweise. Hochgereinigtes Hyperforin konnte das Wachstum gram-positiver Bakterien wie Staphylococcus-Arten ab einer Konzentration von 1 µg/ml hemmen. Da bei Neurodermitis Infektionen mit Staphylococcus aureus auftreten können, wurde an der Hautklinik Freiburg eine Hypericum-Creme entwickelt. 

Die häufigsten sinnvollen Anwendungsgebiete sind:

  • Narbenpflege nach verschlossener Wunde
  • Sonnenbrand und kleinere Verbrennungen
  • Trockene, schuppige Haut, Ekzeme
  • Verspannte Muskeln, Hexenschuss
  • Insektenstiche
  • Leichte Prellungen

Ich verwende mein Rotöl am liebsten nach langen Gartentagen als Massageöl für verspannte Schultern. Zwei, drei Tropfen anwärmen und sanft einmassieren. Bei trockenen Stellen am Schienbein hilft eine dünne Schicht abends.

Worauf du bei der Anwendung wirklich achten musst

Jetzt kommt der Teil, den die meisten Hobbyseiten unterschlagen.

Erstens, Johanniskrautöl gehört nicht auf offene Wunden. Es sollte nicht auf offene Wunden aufgetragen werden. Ideal ist die Anwendung gerade zur Narbenpflege, wenn die Wunde verschlossen ist. Verwende es erst, wenn die Wunde verkrustet oder vernarbt ist. 

Zweitens, die Photosensibilisierung. Viele Quellen behaupten, das Risiko betreffe nur die innerliche Einnahme. Das stimmt so nicht ganz. Auch bei der äußerlichen Anwendung des Öls sollte übermäßige Sonneneinstrahlung vermieden werden, da es beim Menschen zu phototoxischen Reaktionen kommen kann. Hypericin erhöht die Photosensibilität der Haut. 

Praktisch heißt das, trage dein Öl abends auf oder nur an Stellen, die in den nächsten Stunden nicht in die Sonne kommen. Hellhäutige Menschen sollten besonders vorsichtig sein.

Drittens, die berühmten Wechselwirkungen mit Medikamenten. Die Wirkung der oralen Einnahme von hochdosierten Johanniskrautpräparaten ist nicht 1:1 auf die dermale Anwendung von Johanniskrautöl zu übertragen. Die dermale Anwendung beeinträchtigt die Wirkung von Medikamenten nicht. 

Bei Schwangerschaft, Stillzeit und kleinen Kindern halte ich es trotzdem mit der Vorsicht und würde vorher mit Hebamme oder Kinderarzt sprechen.

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Vom Rotöl zur fertigen Salbe

Wer das Öl noch praktischer haben möchte, verarbeitet es zu einer Salbe weiter. Du brauchst dafür nur noch Bienenwachs und kleine Salbentiegel.

Das Verhältnis liegt bei etwa 10 Teilen Öl zu 1 Teil Bienenwachs. Beides im Wasserbad bei niedriger Temperatur schmelzen, gut verrühren und in die Tiegel füllen. Nach dem Abkühlen hast du eine streichfähige Johanniskrautsalbe.

Diese Salbe ist nicht nur praktischer für unterwegs, sie hält sich auch noch länger als das Öl, weil das Wachs konservierend wirkt.

Fazit

Johanniskraut Öl selber machen ist tatsächlich einfacher, als die vielen Mythen rund um das Thema vermuten lassen. Du brauchst die richtige Pflanze, gutes Öl, ein sauberes Glas und etwas Geduld.

Wichtig sind aber die Details, die in oberflächlichen Anleitungen fehlen. Halbblüte als Erntezeitpunkt, der Mittelweg zwischen Sonne und Schatten, und das Wissen, dass Johanniskrautöl nichts auf offenen Wunden zu suchen hat.

Wenn du diese Punkte beachtest, hast du am Ende ein hochwertiges Hausmittel, das du das ganze Jahr über nutzen kannst. Mein Tipp, fang dieses Jahr klein an mit einem 500-ml-Glas. Wenn dir der Prozess gefällt, kannst du nächstes Jahr direkt mehr ansetzen.

Und falls dich die Sommersonnenwende motiviert, deinen ersten Ansatz zu starten, dann ist das ein wunderschöner Anlass. Auch wenn die Pflanze deine Zeitplanung wissenschaftlich nicht braucht.

 

 

 

 

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